Schwäbische Indianer im Reservat von Gütersloh

Monika Thaler und Gerd Frederking haben in den späten 80er Jahren ihren eigenen Verlag gegründet. Seit zwei Jahren gehört er zur Verlagsgruppe Bertelsmann.

Buchreport

Die Welt der Bücher ist allem Wandel zum Trotz immer noch eine sehr konservative. Einfach mal so macht da niemand einen Verlag auf. Start-up ist in der Branche eher ein Fremdwort. Und wenn schon mal jemand auf die Idee kommt, den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen, wird sein Entschluss von Kollegen wortreich kommentiert – meist mit einer Mischung aus Bewunderung und ungläubigem Kopfschütteln ob des vermeintlichen Wahnsinns, der den oder die Neu-Verleger befallen haben muss. Das ist heute so und war vor zehn Jahren auch viel nicht anders. Im Gegenteil: In den 80er Jahren galt vollends als Hasardeur, wer den Unkenrufen in rezessionsgebeutelter Zeit trotzte und in den Markt einstieg. So wie Monika Thaler und Gerd Frederking es seinerzeit machten. Freilich waren die beiden alles andere als Neulinge in der Branche, als sie 1988 auf die Idee kamen, einen eigenen Verlag zu gründen. Dennoch war der Entschluss mutig. Heute gehört Frederking und Thaler mit seinen wertvollen und außergewöhnlichen Bildbänden zu den führenden Adressen im Segment der Bücher über fremde Kulturen und spektakuläre Ansichten der Natur. Er ist eine „Brücke zwischen den Welten“, wie Monika Thaler gern betont. Seit zwei Jahren gehört diese Brücke zur Verlagsgruppe Bertelsmann. „Nicht aus finanziellen Schwierigkeiten heraus haben wir damals verkauft“, erzählt Gerd Frederking, sondern wegen der Belastung: „Ich wurde damals gerade 60 und wir wollten nicht mehr Tag und Nacht arbeiten, auch an den Wochenenden. Wir hatten ja nie mehr als 14 Tage Urlaub.“ Das freilich sei heute auch nicht viel anders, unterbricht Monika Thaler ihren Partner. Und wahrscheinlich könnte es auch gar nicht anders sein, denn auf die Frage, ob es sich bei den beiden um Workaholics handle, nicken zwei Köpfe heftig. Doch diese Lust am vielen arbeiten ist nicht das Einzige, was Thaler und Frederking verbindet, seit sie sich in den 80er Jahren getroffen haben und von 1988 an ihren gemeinsamen Traum verwirklicht haben. Frederking über Thaler: „ Sie hat ein großes Grundverständnis für Inhalte.“ Thaler über Frederking: „Er hat viel Erfahrung in der Branche und kann gut mit Zahlen umgehen.“ Die beiden wurden ein eingespieltes Team. Nicht immer waren sie einer Meinung, aber in einer solchen Partnerschaft „muss jeder auf seine Kosten kommen, sonst geht es nicht“, sagt er, und sie nickt dazu. Das nüchterne, rationale, männliche Element einerseits, das intuitive, weibliche andererseits: Yin und Yang – kein Gegensatz, sondern sich ergänzende Polaritäten.


So hat jeder seine eigene Handschrift in das Projekt Frederking und Thaler eingebracht. Auch wenn – oder gerade weil - sich die Biographien der beiden Verleger recht unterschiedlich lesen. Monika Thaler ist in Stuttgart geboren, im November 1941. Genauer gesagt am dreizehnten November, einem Freitag. Eine Tatsache, die Thalers Vita zu entnehmen ist, was darauf schließen lässt, dass sie – wenn schon abergläubisch – so doch zumindest optimistisch abergläubisch sein dürfte. Was man vielleicht auch wird, wenn man erst einmal 12 Jahre Freie Walddorfschule hinter sich hat, wie die Steiner-Schülerin Thaler. In jedem Fall aber kommt daher ihr „Bedürfnis nach Harmonie“, wie sie selbst betont. Und die Einsicht, dass „die Welt vielfältig und farbig, aber auch klein ist. Das Gemeinsame der Menschen hat mich immer fasziniert.“

Dieser Gedanke von der Vielfalt in der Einheit schlägt sich bei Monika Thaler zu Studienzeiten in einem Interesse für „Minderheiten und Frauenthemen“ nieder. Ihre Magisterarbeit in Amerikanistik beschäftigt sich mit dem Status der schwarzen Amerikanerin und erschien damals bei Antje Kunstmanns Raith Verlag als Buch.
Eigentlich, erzählt Monika Thaler, wollte sie in jungen Jahren das Universum verändern: Eine Karriere bei Presse oder Fernsehen sollte es werden. Doch dann kam alles anders. Mit ihrem ersten Mann, einem Münchener Uni-Professor, ging sie in die USA, wo sie dann amerikanische Studenten in Crash-Kursen mit der deutschen Kultur und Sprache vertraut machte. Später hat Monika Thaler für den Bayerischen Jugendring ausländische Gruppen betreut. Auch als Übersetzerin und Dolmetscherin war sie tätig: „Alles, was ich gemacht habe, hatte stets einen interkulturellen Touch.“ Bei einem erneuten USA-Aufenthalt vertiefte sich Thaler in die Geschichte der nordamerikanischen Indianer. Heute hat sie einige Standardwerke zu diesem Thema im Verlagsprogramm. Und noch etwas hat sie damals interessiert: das Rollenverständnis der Frau in Kinderbüchern. Zurück in Europa, konnte Monika Thaler dieses Wissen gut nutzen: sie fing beim Schneider Kinderbuch eine Halbtagsstelle im Eingangslektorat an und baute das Kleinkindprogramm auf. Zehn Jahre blieb sie im Haus, stieg zur Cheflektorin auf und sollte am Ende gar die Nachfolge des Verlegers Schneider antreten. Doch Thaler wollte nicht managen, sondern „kreativ arbeiten“. Und so tauchte dann eines Tages ein neuer Chef bei Schneider auf, der auch der neue Mann in Monika Thalers Leben werden sollte. Gerd Frederking. Sie blieb noch ein Jahr im Verlag, mietete dann ein kleines Büro in der Münchner Georgenstraße und betrieb von 1986 an ein eigenes Redaktionsbüro für Kinderbücher.
Gerd Frederking hatte zu dieser Zeit schon eine lange Verlagskarriere hinter sich, er hatte, wie er heute selbst sagt, „die Ochsentour gemacht“. 1938 im damals ostpreußischen Memel geboren, lernte Frederking nach dem Abitur in der Münchner Buchhandlung Ernst Ludwig, leitete ein Jahr lang die Akademische Buchhandlung und wechselte später zum Langen Müller Verlag. Frederking arbeitete für diverse Publikumsverlage, stieg auf zum Vertriebsleiter und schließlich zum Verleger. Sein geistiger Ziehvater war Fritz Molden, in dessen Haus Frederking freilich auch gelernt hat, wie es ist, „ständig am finanziellen Abgrund zu leben“. 1977 ging der damals 39jährige schließlich zu Bertelsmann, wo er beim Wiederaufbau des maroden Goldmann Verlags mitwirkte. Nicht ohne Genugtuung weist er heute darauf hin, dass er es war, der heutige Bertelsmann-Manager wie Volker Neumann oder Klaus Eck eingestellt hat. Manager, die heute auf dem Briefbogen des Frederking & Thaler Verlags zusammen mit Monika Thaler als Geschäftsführer firmieren. Die Ecks und Neumanns blieben, Frederking aber verließ Bertelsmann im Jahr 1983. Er ging damals im persönlichen Streit mit Olaf Beschke, dem alleinigen Geschäftsführer der Verlagsgruppe.
„ They never come back“ ist zwar das eherne Gesetz bei geschlagenen Preis-Boxern, scheint aber nicht für Verleger zu gelten. Gerd Frederking jedenfalls kam eines Tages zurück zu Bertelsmann. In der Zwischenzeit ging er zum Schneider Verlag und anschließend zu Pawlak in Herrsching. In dieser Zeit reifte auch die Idee, eines Tages doch noch einen eigenen Verlag zu gründen: „Ich war schon 50, als mir diese Idee kam“, sagt Frederking. „Ich war es leid, immer für andere etwas auf- oder umzubauen. Natürlich standen mir die Risiken, die mit einem solchen Projekt verbunden sind, ständig vor Augen. Ich wusste was alles passieren kann bei einer Verlagsneugründung. Ich habe es ja bei meinem beruflichen Ziehvater Fritz Molden miterlebt, wie es ist, am Rande des Minimums zu leben. Mit so wenig Kapital kann man auf die Dauer nicht überleben. Das stand mit ständig vor Augen.“
Das wohl kalkulierte Risiko jedoch scheut er nicht, der 62jährige, der in seiner Freizeit nicht nur auf Harley-Davidson-Motorräder steigt, sondern auch Helicopter-Skiing, Trekking und Felsklettern betreibt. „Einen Verlag zu gründen ist wie eine Bergwand zu besteigen“, sagt Frederking und fügt hinzu: „Ich liebe die Herausforderung“. Davon gab es bei der Verlagsgründung 1988 wohl reichlich. Bei nur 50.000 Mark Eigenkapital und ohne Vermögen in der Hinterhand könnte man, um im Bild zu bleiben, sogar von geschäftlichem Extremklettern sprechen. Ganz ohne Seil freilich erfolgte es nicht. Denn Gerd Frederking hatte bald wieder einen zusätzlichen Job: Er stand von 1990 an als Club-Verleger bei seinem früheren Arbeitgeber Bertelsmann in Lohn und Brot. Frank Wössner hatte Frederking zurückgeholt, obwohl klar war, dass er „kein ganz leichter Mensch im Umgang“ (Wössner über Frederking) ist. Frederking macht den Club-Job heute noch und hat erst kürzlich wieder für Aufregung in der Branche gesorgt, als er forderte, die Buchclubs sollten künftig die Möglichkeit bekommen, Spitzentitel zeitgleich mit dem Sortiment, aber weiterhin mit dem üblichen Preisabstand anbieten zu dürfen. Als Frederking den Bertelsmann-Club übernahm, schien für viele in der Branche klar, dass die Verlagsgründung Frederking & Thaler nur vor dem Hintergrund dieser Frederkingschen Club-Obmannschaft zu erklären war.

Das sieht Frederking freilich anders: „Es wäre auch ohne diesen Job als Club-Verleger gegangen. Zu Beginn war der Verleger Pawlak dritter Partner im neuen Bund. Nach dessen Tod kauften wir den Anteil zurück. Als wir anfingen, wusste ich noch gar nicht, dass mich eines Tages der Club holt. Wir haben also nicht damit kalkuliert. Allerdings wäre es ohne diesen Job gewiss enger gewesen, die Anfangsjahre des Verlags wären Hungerjahre geworden.“ Monika Thaler weist bei dieser Gelegenheit auch gleich darauf hin, dass ihr Verlag nur im ersten Jahr einen größeren Verlust geschrieben hat. Der Verkauf an Bertelsmann, zehn Jahre nach der Gründung, sei also bestimmt kein Notverkauf aus finanziellen Gründen gewesen. Und Gerd Frederking fügt hinzu: „Wir sind in keiner Weise singulär. Unser Beispiel soll auch Mut machen. Viele Kollegen haben das Zeug dazu, sich selbständig zu machen, haben Wissen und Erfahrung. Es fehlt oft nur der Mut.“

Bei Frederking und Thaler hat es jedenfalls geklappt. Schließlich hatte der Verlag einige Bestseller im Programm. „Sagen, Mythen, Menschheitsrätsel“ zum Beispiel, ein Buch, das Pawlak damals nicht haben wollte und das später bei Frederking & Thaler eine Auflage von 140.000 erreichte. Oder „Der weiße Wolf“, ein Titel für 68 Mark, bei dem die Vertreter anfangs kreidebleich und entsetzt dreinblickten, an dem Monika Thaler aber mit schwäbischem Starrsinn und „weiblicher Intuition“ festhielt, bis eines Tages jener Sielmann-Tierfilm kam, der den Verkauf in die Höhe schnellen ließ. Plötzlich waren allein von Freitag bis Montag 5000 Exemplare des Buches verkauft. Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, sagt Monika Thaler, eine typisch weibliche Entscheidung für einen Titel: „Männer fragen bei solchen Büchern immer voller Skepsis nach der Zielgruppe. Ich sage: Die Zielgruppe bin ich. Ich spüre bei diesem Buch was, ich bin begeistert.“ Gespürt hat Thaler öfter was. Zum Beispiel bei „Die Farben Afrikas“. Frederking soll seinerzeit gefragt haben, ob Thaler noch bei Sinnen sei, ein solches Buch ins Programm zu nehmen. Sie war es offensichtlich. Trotz der stolzen 148 Mark Ladenpreis hat sich das Buch 35 000 mal verkauft. Die weibliche Intuition sollte wieder einmal Recht behalten. Auch wenn auf den ersten Blick solche Entscheidungen gegen jede Vernunft zu sein scheinen. Gerd Frederking nennt als Beispiel einen Titel wie „Die geschmückte Haut“, bei dem Fotomaterial von 350 Agenturen und Fotografen zusammengekauft wurden, was sich mit 121.000 Mark allein für die Bildrechte niederschlug. Verlegerische Entscheidungen, die in der Tat Mut erfordern. „Eigentlich“, sagt Monika Thaler, „bin ich heute noch wie die kleine Waldorfschülerin: Ich mache Bücher, um die Schönheit und das Aufbauende in die Welt zu bringen. Ich arbeite nicht gegen die Konkurrenz und denke nicht in Trends und Reihen, sondern denke darüber nach, was wichtig ist.“ „Die Schätze der Menschheit“, „Die Wüsten Afrikas“, „Die Welt der Indianer“, „Die Erde von oben“, und nicht nur von oben – alles Titel, die wichtig sind und ihr am Herzen lagen und liegen.
Auch wenn sich die Titel in den meisten Fällen gut gerechnet haben, das schützende Dach der Länder- und Kontinente übergreifenden Bertelsmann Familie kann bei solchen verlegerischen Herzensanliegen gewiss ein Mehr an Sicherheit bieten. Aber wie steht es mit der hochgeschätzten verlegerischen Freiheit nach dem Verkauf an den Konzern? Gerade für einen Menschen wie Monika Thaler, die von sich selbst sagt, sie sei „kein Konzernmensch, sondern der Natur nach ein frei lebender Indianer.“ Ist es nicht unerträglich, im Reservat unter der Maßgabe des Global Players hausen zu müssen? Nein, sagt Monika Thaler, so schlimm sei es nicht: „Wir müssen uns Gott sei dank themenmäßig nicht absprechen. Außer in Fällen, in denen es um sehr viel Geld geht. Oder in Sonderfällen. Ansonsten redet uns programmatisch niemand drein.“ Dennoch war es erst einmal recht seltsam für die schwäbische Indianerin: „Ich fühle mich wie Mowgli im Dschungel. Ich bin die einzige Frau, die hier einen Verlag leitet. Das ist in der Männergesellschaft Bertelsmann gewöhnungsbedürftig. Für beide Seiten. Aber ich habe meinen Platz in der großen Struktur gefunden.“ Und Gerd Frederking, der erfahrene Pfadfinder im großen Reservat Bertelsmann fügt diplomatisch hinzu: „Konzern oder nicht – schließlich kommt es ja immer auf die Personen an.“ Freilich hat es auch manche Nachteile: Man muss mehr erklären, hat viele Sitzungen, es gibt mehr Verwaltungsakte, bis die Botschaft endlich ankommt, braucht es oft zwei oder drei Anläufe. Und Gerd Frederking nennt als Beispiel hierfür die neue Reihe „Sierra“, die er anpreisen musste wie trocken Brot, und die seit Sommer 1999 geht wie geschnitten Brot. „Konzernstrukturen verführen zu bürokratischem Denken, zu Kästchendenken“, sagt Monika Thaler: „Aber das kann jeder Einzelne überwinden. Manchmal fliegen natürlich die Fetzen.“ Die Erfolge, die Frederking und Thaler aufzuweisen haben, machen es den beiden etwas einfacher, sich gegen Bürokraten und Controller durchzusetzen. Und so wird das Leben im Reservat sogar für frei lebende Verlagsindianer erträglich.

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