Hexentanz und Kinderspiele

Über die Steinmänner in den Alpen

Berge

Die Pachlerzottl war eine Hex`. Da gab es keinen Zweifel. Schließlich hatte sie es selbst gestanden, bei der „peinlichen Befragung“ vor Gericht. Also lag es auf der Hand: Die Bäuerin aus Windlahn hatte sich mit dem Teufel verbündet, um Unwetter herauf zu beschwören und großen Schaden anzurichten. Geschehen ist der ganze Zauber um das Jahr 1540, oberhalb des Südtiroler Sarntals, hinter dem Auener Joch bei den Stoanernen Manndln. Dort oben soll sich die "Pachlerzottl" mit dem Hexenmeister Heinz aus Meran zu wilden Tänzen und Zaubereien getroffen haben. Und noch Schlimmeres: Kinder sollen verschwunden und geopfert worden sein. Sagt man. Und so steht´s auch in den Gerichtsakten jener Zeit.

So bitter die Sache für Barbara Pachler damals ausging und so wenig die „peinliche Befragung“, auch Folter genannt, gegenwärtigen Rechtsstandards entspricht, so wertvoll ist die Urkunde des Prozesses für uns Heutige. Sie belegt nämlich, dass es die sagenumwobenen Steinpyramiden in den Sarntaler Alpen schon im 16. Jahrhundert gegeben haben muss. Als Hexentanzplatz markierten die Manndl also eine Art Open-Air-Disco für frühneuzeitliche Esoterik-Orgien.

Dutzende solcher mannshoher Figuren aus Stein stehen heute noch oben. Allerdings ist so mancher Brocken seit den wilden Tänzen der Pachlerzottl hinzu gekommen, denn es ist quasi Pflicht und gute Sitte für Wanderer, die bestehenden Steinmänner um jeweils mindestens eine Porphyr-Platte zu erhöhen. Aus den mystisch-magischen Zaubermanndln am Hexentanzplatz sind zwischenzeitlich also Steinmanndl von des Touristen Gnaden geworden. Wo einst die Orgien stattfanden, für die die zottelhaarige Pachlerin am Ende ins Feuer gehen musste, ducken sich heute Wanderer hinter Steinhaufen, um vor dem Abstieg noch schnell und unentdeckt die Notdurft zu verrichten.


Was den Reiz der Steinmänner aber nicht unbedingt schmälert. Denn viele Wanderer beteiligen sich am Weiterbau dieser Gemeinschaftskunstwerke und hören auch gern die alten Geschichten und Legenden, die sich um diese wundersamen Formationen ranken. So sorgen sie dafür, dass die Manndl nicht aussterben und die Geschichten weiter erzählt werden. Zum Beispiel die Folgende: Uralte Kultstätten sollen es einst gewesen sein, die schon in frühgeschichtlicher Zeit als mystische Orte eine geheimnisvolle religiöse Funktion hatten. Wer würde sich nicht gern in eine solche Zeitreihe stellen und an solche Geschichten glauben?

Vor allem Esoterik-Freaks bieten die Steinmänner reichlich Stoff für Spekulationen.
Unter www.alpenschamanismus.de steht zum Beispiel: „Diese Steine wurden in früheren Zeiten aufgeschichtet als Geschenk an die Bewohner der Region, meist also Bewohner der Bergregionen. Dabei wurde darauf geachtet, dass es ´besondere` Steine waren, die dazugelegt wurden. Einerseits glaubten die Leute damit den Wesen, die da wohnen, behilflich zu sein, deren Wohnstätten zu errichten, andererseits war es der Dank dafür, bis an diesen Platz wohlbehalten gewandert zu sein, gleichzeitig auch die Bitte gut ins Tal zu kommen.“ Klingt gut, ist aber nicht leicht zu beweisen. Dennoch finden sich auch bei Volkskundlern wie dem Österreicher Hans Haid ähnliche Behauptungen. „Frühgeschichtliche Funde in dieser Gegend reichen 7000 Jahre zurück, und es bedarf keiner Spekulation, hier einen uralten Kultplatz ausmachen zu können.“ (Hans Haid: Mythos und Kult in den Alpen, Rosenheimer Verlag).

Tatsache ist, dass es im Sarntal Ritzzeichen aus prähistorischen Zeiten gibt. Ein Beweis dafür, dass auch die Steinmänner so alt sind und kultischen Charakter hatten, lässt sich daraus aber nicht ableiten. „Wir haben dafür keine realen Quellen“, sagt Dr. Gabriele Wolf
vom Institut für Volkskunde in München. „ Was die mythologische Interpretation der Steinmänner angeht, müssen wir also mit größter Skepsis rangehen. Eine solche Deutung ist oft im 19. Jahrhundert entstanden, als man solche Phänomene gern romantisch-mythologisch verklärte. In der Nazi-Zeit wurde eine solche Sicht gefördert und heute ist sie wieder in der esoterischen Richtung weit verbreitet.“
Das Problem ist klar: Man hat zwar ein Objekt, nämlich die Steinmänner, aber man weiß nichts über das Umfeld, den Kontext, in dem sie früher entstanden sind. Also muss man spekulieren. Mag gut sein, dass Steinhaufen die älteste und ursprünglichste Form aller Monumente ausmachen, wie die Autoren des 19. Jahrhunderts schrieben. So erzählt man sich im Sarntal heute noch, dass es in frühesten Zeiten Hirtenjungen gewesen seien, die lose Steinplatten aus Porphyr aufeinander geschichtet haben. Nur zum Zeitvertreib.
Aber ob das stimmt und welche Funktion die Steinmänner wirklich hatten, wissen wir nicht.


Während in den bayerischen Bergen fast überall auf den Gipfeln ein Kreuz steht, gibt es in den Zentralalpen oft nur „Steinmanndl“. Aber auch auf der Zugspitze sollen mehrere Steinpyramiden gestanden haben, bevor ein Kreuz angebracht wurde, schreibt Paul Werner in seiner „Geschichte der Gipelkreuze“. Er zitiert aus Quellen zur Erstbesteigung Anfang des 19. Jahrhunderts. Das würde jedenfalls dafür sprechen, dass die Steinmänner einen religiösen Charakter hatten.

Berge waren eben schon immer eine Stätte religiöser Andacht, ein Ort der inneren Sammlung und ein Symbol für das himmlische Paradies auf Erden. Wo Hirten und Senner ihrer bäuerlichen Frömmigkeit noch nicht mit einem Gipfelkreuz Ausdruck verleihen konnten, schichteten sie vielleicht provisorisch Gestein auf.

Religiös motivierte Steinhaufen kennen wir ja auch aus anderen Weltregionen. „Objekt der Opferung“ ist die deutsche Übersetzung für das tibetische Wort Tschorten. Die steinernen Stupas sind im Himalaya Gegenstand buddhistischer Verehrung.

Steine hatten schon immer und überall auch eine tiefere Bedeutung. Das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ berichtet, dass es bereits bei den Germanen gelegentlich Brauch gewesen sei, einen Toten mit Steinen zu bedecken. Vor allem dort, wo jemand gewaltsam zu Tode gekommen ist, wurden Steinhaufen errichtet, um sich vor Wiedergängern zu schützen. Berichtet wird auch vom Brauch des Steinewerfens, um sich vor unheimlichen Gestalten zu schützen: vor wilden Nachtfräulein oder Wassergeistern. Oft sind Sagen mit bestimmten Steinen verbunden, wie im Zillertal, wo ein geiziger und geldgeiler Bauer vor lauter Habgier auf der Nestspitze in einen Stein verwandelt wurde, der hart war wie sein Herz. (Sagen aus dem Zillertal, Erich Hupfauf, Hall in Tirol, 2000, S. 119)

Vielleicht aber hatten die Stoanernen Manndl auch nur eine ganz praktische Funktion, als Wegmarken nämlich. Ganz ohne tieferen Sinn, einfach nur zur Orientierung des Wanderers, der seinen Beitrag leistet, indem er auch einen Stein dazu legt. Dieser Hang sich zu verewigen und zu zeigen, dass man hier war, scheint vor allem den modernen Menschen auszuzeichnen.

Zeichen setzen, be-zeichnen, Orientierung schaffen, Namen geben, Geschichten und Legenden dazu erzählen – das ist mehr als nur zu demonstrieren: Da war schon wer. Es ist der Versuch, die Natur in den (Be-)Griff zu bekommen. Der Literaturprofessor, Schriftsteller und Alpinist Robert Macfarlane zeigt in seinen Büchern, wie der Mensch die Natur benennen und markieren muss, um ihr Herr zu werden und seine Angst zu überwinden.
In „Mountains of the Mind“ (auf Deutsch voraussichtlich im September 2005: Berge im Kopf. Die Geschichte einer Faszination, ISBN 3-909111-15-7) erzählt Robert Macfarlane, wie er in der ägyptischen Wüste einen Sandsteinpfeiler entdeckt, in den der Name eines Soldaten eingeritzt ist. Macfarlane versucht, sich diesen Leutnant Carter vorzustellen, wie er da kauerte und mit der Bajonettspitze kratzte, um sich selbst in die Geschichte einzuritzen. Er stellt ihn sich vor als einen Menschen, der weit weg von zuhause ist, mit dem Bedürfnis, sich selbst irgendwie in diese so erschreckend andere Landschaft einzuprägen. Dann steigt Macfarlane einen zehnminütigen Weg zum Gipfel hinauf, blickt eine Zeitlang auf die Dünen, baut aus drei, vier losen Sandsteinbrocken einen provisorischen Steinmann und dreht sich um, um den Weg nach unten zu nehmen.

Eine Spur hinterlassen in den einsamen Weiten der Natur und die eigenen Eindrücke teilen, mit-teilen. Vielleicht setzen wir deshalb immer noch einen Stein drauf, wenn wir irgendwo an einem Steinmandl vorbei wandern. Schließlich sind es oft erst diese Manufakte, die uns anhalten lassen, um zu sehen, was es da gibt. Genau das ist auch die Absicht jenes Künstlers, der an der Isar zwischen Bad Tölz und Lenggries unermüdlich seine Steinpyramiden aufstellt.
Karl Heinz Fett heißt der alte Mann, der früher Land-, Hilfs und Bergarbeiter war und heute jahrein jahraus Kiesel aufschüttet, um sich sein Kunstreich namens „Klein-Kairo“ zu schaffen.
Oft wird er gefragt, warum er das tue. In einem Interview mit Harald Hohenacker für den Bildband zur Tölzer Fotobiennale im Jahr 2000 hat Fett ganz einfach geantwortet: „Mir geht’s hier gut. Die Leute finden gut, was ich mache. Zum ersten Mal kann ich auch tun, was ich will und wie ich es will. Ich fall keinem zur Last. Solange ich da bin, kommen die Leute hierher zu mir, um die Steine zu sehen. Sonst würden sie die Steine und den Flusse gar nicht beachten. Aber sie reden auch oft mit mir. Fragen. Und ich rede mit ihnen.“

Das Steinmanndl als Gesprächsstoff. Und als kleine Schule des Sehen Lernens. Sie sind wie Stoppzeichen in der Landschaft, die dem Wanderer sagen: Bleib stehen! Da schau hin!
So könnte man auch die Botschaft des schottischen Land-Art-Künstlers Andy Goldworthy bezeichnen: Die Natur mit Hilfe der Kunst sichtbar machen, das Vergängliche zeigen, nichts Ewiges wollen. Sorgsam stellt der Künstler Stein auf Stein, und genau so schnell wird wieder alles von Wind und Wasser umgedrückt.
Zu Goldworthys bekanntesten Naturskulpturen gehören die „Cairns“, die Steinhaufen oder eiförmige Steinkegel, die er in die Landschaften Schottlands oder der USA stellt. In seinem Bildband „Passage“ schreibt er über diese Arbeit:

„22. Januar 2000 - Der Cairn bekommt seinen eigenen Charakter und obwohl es noch zu früh ist, etwas Endgültiges zu sagen, packt mich freudige Erregung, wenn ich sehe, wie gut die Form ist. Im Augenblick ist die Skulptur mein Leben, meine Arbeit, mein Schlaf und mein Atem. Steine, die ich am Tag gesetzt habe, dreh und wende ich abends in Gedanken.“


Die pure Freude am Bauen - vielleicht brauchen die Steinmanndl ja auch gar keinen tieferen Sinn, keine mythologische Verklärungen und esoterischen Weihen. Vielleicht sind sie einfach nur da, weil es Freude macht, dass sie da sind. Wie im Spiel. Im Spiel von Kindern. Fragt man bei Einheimischen nach, ob es im Karwendelgebirge, wo oberhalb der Tölzer Hütte Steinmänner stehen, irgendwelche mythologische Erzählungen zu den Objekten gibt, erntet man nur ein Kopfschütteln. „Da ist uns nichts bekannt. Es sind halt vor allem die Kinder, die dort spielen und Steine aufeinander stellen.“

Gut so. Aber trotzdem sollte man immer einen Blick auf die Kleinen haben. Denn am Ende ist es doch ein Hexentanzplatz, an den irgendeine Pachlerzottl als Wiedergängerin zurückkehrt.

Kontakt:
Thomas Grasberger | Adalbertstr. 47 | 80799 München | Tel. 089 - 27312838 | tgrasberge@aol.com