Föhnsturm ohne Flurschäden

Die Bayern vor den Landtagswahlen

Der Tagesspiegel, 21.09.2003

Wenn die Bayern wählen, nötigt das dem Bundesrepublikaner nördlich von Aschaffenburg zwei Fragen ab. Erstens: Was geht’s mich an? Und zweitens: Wo ist dieses Bayern überhaupt? Letzteres ist nicht geografisch gemeint. Vielmehr geht es um die geistige Verortung eines eigenwilligen Landstrichs. Diese macht jedem Nicht-Bayern Probleme. Was keine Schande ist, denn so war es schon immer. Das Rätsel Bayern beschäftigte schon einen Herrn namens Venantius Fortunatus, der im Jahr 565 einen Reiseführer für Pilger schrieb: „Wenn Dir der Baier den Weg nicht versperrt, ziehe über die Alpen.“

Man kann das als Warnung vor einem renitenten Alpenstamm lesen, der der Toskana-Fraktion ihre Italienreisen vermiesen will. Man kann es aber auch im übertragenen Sinn verstehen. Der Bayer liebt eben die Widerspenstigkeit als Grundhaltung. Dass diese oft einher geht mit Untertanengeist und Opportunismus, ist nur für Außenstehende ein Widerspruch. Der Bayer unterwirft sich mehrheitlich voll und ganz jenen, die diese Widerspenstigkeit am besten verkörpern.

Ein Beobachter hat einmal gesagt, das Land bestehe zu 60 Prozent aus Anarchisten und die wählen alle CSU. Man kann es aber auch umdrehen. In Bayern wählen 60 Prozent CSU, weil sie wissen, dass die am lautesten „Anarchie“ schreit, ohne dass anschließend etwas passiert.

In dieser spezifisch bayerischen Regierungsform des repräsentativen Anarchismus verschwinden manchmal Millionen Euro oder Computerfestplatten von Politikern. Und nichts passiert. Warum auch? Der Bayer weiß: Wenn auf der einen Seite etwas verschwindet, taucht andernorts wieder etwas auf. Wie zum Beispiel unlängst bei der Münchner CSU die vielen gefälschten Aufnahmeanträge von Neumitgliedern. All das hält sich in der Ökonomie des bayerischen Gemüts irgendwie die Waage.
Aber entscheidend bleibt die Frage: Wer kann den meisten Wind machen? Das ist zweifellos die CSU. Bei der heutigen Landtagswahl könnte es sogar zu einem richtigen Föhnsturm kommen, der die Sozialdemokratie unter die 20 Prozent-Marke weht. „Projekt 18“ spötteln Kritiker über die weiß-blauen Roten. Weil die das längst eingesehen haben, winseln sie auf ihren Wahlplakaten nur noch um Gnade: Keine zwei Drittel Mehrheit für die CSU! „Macht braucht Kontrolle!“. Was aber leider auch andersherum gilt: Kontrolle bräuchte Macht. Und damit steht es bei der bayerischen Sozialdemokratie eben nicht zum besten. Nach über 100 Auftritten und 25.000 Kilometern im Wahlkampfbus kennt gerade einmal jeder dritte Wahlberechtigte den SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget. Die ihn kennen, sind sich einig. Er ist ein sehr netter und anständiger Mann. Nett und anständig sind keine Attribute, die zwangsläufig in einem Gegensatz zu den Gepflogenheiten bayerischer Landespolitik stehen. Aber es sind auch nicht zwingend die Vokabeln, die einen mit revolutionärem Elan in die Wahlurnen treiben. Viel Wind ist da nicht... eher ein Lüfterl.

Bescheidenheit ist also das Motto der bayerischen Sozialdemokraten. Bei maximalem Verzicht auf politische Inhalte. Klar, bevor einem die bundespolitischen Argumente um die Ohren fliegen. Die Bewohner der Landeshauptstadt jedenfalls staunten, als sie die Slogans der sozialdemokratischen Wahlplakate lasen: „Mehr München für Bayern“. Ein deutliches Zeichen für Hilf- und Fantasielosigkeit. Und unter Umständen auch ein Schuss ins Knie, weil in den vergangenen Tagen wahre Schreckensmeldungen die Runde machten. Selbst in der SPD-Hochburg München, munkelten Sozialdemokraten, sei Umfragen zufolge mit einer Katastrophe von 17 Prozent zu rechnen.
Die Chancen stehen also gut, dass Edmund Stoiber 363 Tage nach seiner Schlappe beim Marsch auf Berlin seinen höchsten Triumph jetzt in Bayern selbst erringt. Der Bayer liebt halt die Revanche, nicht nur beim Schafkopfen. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine Partei bei einer Landtagswahl die Zwei-Drittel-Mehrheit erreichen. Gesamt-Bayern wäre dann da angekommen, wo Niederbayern und die Oberpfalz in den 1970er Jahren schon standen. Zumindest, was die Wahlergebnisse angeht. Im Bundesrat bliebe zwar alles wie es war. Aber bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit könnte die CSU künftig Untersuchungsausschüsse im Landtag ausbremsen. Das macht sogar eingefleischten CSU-Bayern Angst. Schließlich heißt die Devise: Viel Wind um nichts! Oder um wenig. Und so wünscht sich die Mehrheit einen bundespolitischen Stimmungstest. Der kommt der bayerischen Mentalität nämlich grad recht. So ein 60-Prozent-Sturm, der ohne Flurschaden bleibt, aber den Herrschaften in Berlin ein wenig die Föhnfrisur durcheinander wirbelt.

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